• Terry Nana Osei

Fried Rice mit Chicken - wie Kultur das Hierarchieverständnis beeinflusst

Vor einigen Wochen hatte ich ein Gespräch mit einer Freundin. Sie erzählte mir von einem Erlebnis aus ihrer Schulzeit: Nach einem langen Schultag war sie froh über das wohlverdiente Mittagessen aus Fried Rice mit Chicken. Endlich konnte sie sich von dem Prüfungsdruck erholen, den sie durchgemacht hatte. Sie war gerade dabei, den ersten Löffel Reis und jeden Bissen des leckeren Hühnchens zu genießen, als ihre Eltern plötzlich wutentbrannt und lautstark in das Esszimmer stürmten. Offenbar war sie von ihrem Lehrer unrechtmäßig wegen Schummelns in einer Prüfung, in der sie gut abgeschnitten hatte, ermahnt worden.


So lustig diese Geschichte auch war, die Szene kam mir nur allzu bekannt vor und brachte mich zum Nachdenken:

  • Warum war sie von ihren Eltern nicht gefragt worden, ob die Angabe stimmte oder nicht?

  • War dies ein Einzelfall? Neigten afrikanischen Eltern tendenziell nicht dazu, auf das Wort einer Autorität im Leben ihres Kindes zu reagieren, ohne die Geschichte des Kindes zu hören?

  • Wie ließ sich diese am besten erklären und welche Auswirkungen hatte diese Disposition auf die Kinder?

Die Manifestation der Kultur

Für den Begriff der Kultur gibt es unzählige Definitionen. Im Allgemeinen beschreibt Kultur ein komplexes Gefüge aus Wissen, Sprache, Folklore, Lebensstilen, Einstellungen, Überzeugungen und Bräuchen, die eine bestimmte Gruppe von Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt verbindet und ihnen Identität verleiht. Die konkreten Aspekte der Kultur wie Sprache, Technologie und Kunst werden von abstrakten Aspekten wie Glauben, Werte und Normen beeinflusst. Zeit ist bei der Definition von Kultur von entscheidender Bedeutung, da sie der Kultur Dynamik verleiht. Kultur ändert sich im Laufe der Zeit, während die grundlegenden Konzepte jedoch unverändert bleiben. Ein Beispiel hierfür sei die Liebe zwischen einem Kind und einem Elternteil; das Ausleben der Zuneigung variiert mit dem Alter, dem Ort oder der Situation, doch bleibt es stets die gleiche Liebe, die zur Geltung gebracht wird.

Ein Ansatz, welcher in der Forschung genutzt wird um Kultur zu definieren, ist das Modell von Geert Hofstede. Dieser teilt Kultur in die Dimensionen Machtdistanz, Kollektivismus vs. Individualismus, Maskulinität vs. Feminismus, Nachsicht vs. Zurückhaltung, Langzeit- vs. Kurzzeitorientierung und Unsicherheitsvermeidung auf.



Diese Dimensionen bieten eine Möglichkeit, Kommunikation und Handlungen in einem interkulturellen Kontext zu vergleichen und zu verstehen.



Die Bedeutung der Machtdistanz in der Bildung

Die Dimension der Machtdistanz befasst sich mit gesellschaftlichen Hierarchien und beschreibt die Tatsache, dass Individuen in Gesellschaften nicht gleichgestellt sind. Sie beschreibt, inwieweit eine Gesellschaft akzeptiert, dass Macht ungleich verteilt ist. Nutzt man Hofstedes Modell vorrangig in der Wirtschaft, finden einige der Dimensionen auch im Bildungswesen zunehmend an Bedeutung. So können die Auswirkungen hoher und niedriger Machtdistanz zwischen Lehrer:innen und Schüler:innen untersucht werden: In einer Kultur mit hoher Machtdistanz liegt der Machtschwerpunkt eher auf Lehrer:innen. Dies bedeutet, dass Erfolg oder Misserfolg von Schüler:innen stark von der Bewertung von Lehrer:innen abhängt. In einer Umgebung mit geringer Machtdistanz hingegen, werden Schüler:innen dazu ermutigt ihre eigenen Lernwege zu finden, sowie sich eine Meinung zu Themen zu bilden und auszudrücken.


Hintergrund afrikanischer Eltern in Deutschland

Viele migrantische Eltern der Vorgeneration, die in Deutschland leben, bringen Bildungseindrücke aus ihrem Heimatland, häufig einer Umgebung mit hoher Machtdistanz, mit. Ihre Erfahrung ist somit oft eine, in der sie wenig Raum hatten, ihre eigene Meinung zu äußern und eine, in der Lehrer:innen fast ausnahmslos recht haben.

Obwohl Deutschland laut Machtdistanz-Index eine Kultur mit hoher Machtdistanz ist, wird im Bildungssystem eine Unterrichtsart verwendet, die eher Schüler:innen in den Mittelpunkt rückt. Lehren und Lernen zeichnen sich durch einen kommunikativen Ansatz aus, wodurch die Machtdistanz zwischen Lehrer:innen und Schüler:innen verringert wird.


Auswirkungen auf Schüler:innen mit afrikanischem Migrationshintergrund

Einige Schüler:innen mit afrikanischem Migrationshintergrund (AMH) erleben täglich widersprüchliche Erfahrungen zu Hause und in der Schule. Im Elternhaus besteht meist eine starke Betonung auf Hierarchie und Autorität, während das deutsche Klassenzimmer andere Werte in den Vordergrund rückt. Die kulturelle Prägung kann in einigen Schüler:innen mit AMH dazu führen, dass wichtige Emotionen unterdrückt werden. Der Mut, Eltern über Missverständnisse mit Lehrer:innen zu informieren, fehlt häufig. Man scheut sich, Fehler zu äußern oder den Eltern schlechte Noten zu zeigen. Die Wahrnehmung von Last und Verantwortung ist für viele Schüler:innen mit AMH erhöht. Schule kann so stressig und zu einer lästigen Pflicht werden.

Die Hoffnung auf ein neues Bewusstsein

Unter gegensätzlichen kulturellen Paradigmata aufzuwachsen, bringt eine Menge Herausforderungen mit sich. Zusätzlich ein Bildungssystem zu durchlaufen, das damit einhergehende Bedürfnisse nicht berücksichtigt, kann schwierig sein. Viele junge Menschen mit AMH befinden sich in einer Art Kulturvakuum. Man bleibt zwischen den Kulturen hin- und hergerissen.

Meine Hoffnung ist es, dass Lehrer im Bildungsalltag zukünftig eine erhöhte Sensibilität gegenüber der kulturellen Ambivalenz ihrer migrantischen Schüler:innen offenbaren; des Weiteren, dass viele afrikanische Eltern vom starren Hierarchiegedanken abrücken, um den Bildungsweg ihrer Kinder noch gewinnbringender unterstützen zu können.

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