• Belinda Nyantakyi

Diskriminierung im Bildungsalltag und ihre psychischen Folgen

Mein Kindergarten lag nur wenige Minuten von unserer Wohnung entfernt, sodass es nicht selten vorkam, dass meine Schwester, mich nach der Schule vom Kindergarten abholte. Dies ging immer recht schnell und routiniert vonstatten - die Schwester kam, ich wechselte in meine Straßenschuhe, verabschiedete mich von Freunden, und wir gingen heim. An diesem besonderen Tag aber, sprach die Erzieherin ein wenig länger mit meiner Schwester, und als diese danach nach meiner Hand griff, wirkte sie energisch und missmutig. Zu Hause angekommen erzählte sie meiner Mutter aufgebracht, was vorgefallen war: Meine Erzieherin hatte ihr bei der Verabschiedung gesagt, dass meine Haare “afrikanisch” rochen. An die empörte Tirade meiner Mutter daraufhin kann ich mich bis heute sehr gut erinnern.

Ich war erst vier Jahre alt, als ich meine erste persönliche Erfahrung mit Diskriminierung im Bildungsalltag machte.

DER BEGRIFF DER DISKRIMINIERUNG

Diskriminierung ist ein breit gefächerter Begriff mit vielen und unterschiedlichen Bedeutungen. Nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (auch bekannt als Antidiskriminierungsgesetz) soll Diskriminierung, definiert als die Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität” verhindert werden. Und dennoch wird Diskriminierung in mehreren Formen und Lebensbereichen geäußert und erfahren.

Rassismus ist eine Form der Diskriminierung, die sich verschiedenfach äußern kann: zum einen durch offensichtliche Anfeindungen oder aggressives Verhalten, und gleichermaßen durch subtiles und passiv-aggressives Verhalten, sogenannten Microaggressions. Dabei werden der betroffenen Person unterschwellige abwertende Botschaften gesendet, die sich auf deren Gruppenzugehörigkeit beziehen. Beispiele für Microaggressions sind Äußerungen wie “Du bist echt hübsch für eine Schwarze” (Ja, so was wird wirklich gesagt!) oder “Oh, du sprichst aber gut Deutsch!”. Doch was lösen erlebte rassistische Microaggressions und Diskriminierung bei der betroffenen Person aus, wie fühlt sich Rassismus überhaupt an?


GEDANKENSPIRALE UND STÄNDIGER KAMPF

Rassismus fühlt sich wie ein andauernder Boxkampf an. Die Schläge des Opponenten reichen nicht ganz aus, Einen zu Fall zu bringen. Nur mit größter Anstrengung gelingt es einem, das Gleichgewicht zu halten, doch bevor man sich endgültig fassen kann, kommt auch schon der nächste Schlag.

Es ist ein gewöhnlicher Donnerstagnachmittag in der Schule - die letzten beiden Schulstunden des Tages - Freddy (Name geändert) sitzt im Matheunterricht, er hört dem Lehrer zwar zu, doch nach dem langen Schultag hat seine Konzentration nachgelassen und er trommelt geistesabwesend mit einem Stift auf die Tischplatte. “Lass das mal sein, du Buschtrommler!”. Freddy wird mit diesen Worten von seinem Lehrer unsanft aus seinen Gedanken gerissen - Die ganze Klasse lacht, nur Freddy nicht. Freddy ist die einzige Schwarze Person in der Klasse.

Die beschriebene Situation mag vom Lehrer als harmlose Situation abgetan worden sein, jedoch hat sie bei Freddy eine große Gedankenspirale losgetreten, damals wie heute. Der Lehrer bezog sich mit seiner Bemerkung nicht nur auf Freddys Verhalten; in dem Fall hätte ein einfaches “Hör damit auf, Freddy, das stört den Unterricht” gereicht - Im Gegenteil, die Bemerkung ist geradezu ein weiteres Paradebeispiel von Microaggressions. Obwohl Freddy seine Schulzeit längst hinter sich gebracht hat, erinnert er sich noch immer genau daran, wie er sich in dem Moment fühlte: “Zuerst fühlte ich tiefe Scham, dann Wut und Unverständnis und zum Schluss nur noch Enttäuschung. Ich verstehe nicht, warum der Lehrer mich als den ungezügelten, Schwarzen Buschmenschen darstellen wollte.”


DIE PSYCHE LEIDET

In einer Studie unter Schwarzen Student:innen aus dem Jahr 2012 stellten Forscher fest, dass subtile rassistische Aussagen, die Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeit der Proband:innen länger einschränkte als explizite rassistische Äußerungen. Selbst die einfachsten Aufgaben fielen den Studienteilnehmer:innen nach den verbalen Microagressions schwer. Thomas und Witherspoon zeigten 2004 einen Zusammenhang zwischen dem Selbstwertgefühl und rassistischen Erfahrungen. So reichten die Effekte von der Internalisierung negativer Stereotypen, Hilflosigkeit und Selbsthass bis hin zu Selbstverletzung und Suizidalität. Rassismus beeinträchtigt die psychische Gesundheit von Betroffenen.


In Deutschland wurde 2017 im Rahmen einer Studie in Thüringen eine Umfrage zum Thema Diskriminierung und Lebensqualität durchgeführt. Demnach fanden Diskriminierungen am häufigsten in der Öffentlichkeit statt - eine Probandin berichtete, dass das Nichteingreifen der sie umgebenden Personen in der Situation das Erlebnis noch unangenehmer und schlimmer machte. Die Ergebnisse zeigten weiterhin deutlich, dass es, ungeachtet der Betroffenengruppen, einen negativen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit auftretender Diskriminierung und dem subjektiven Wohlbefinden gibt.


DER KÖRPER LEIDET AUCH

Im Jahr 2006 untersuchten Merritt et al. in einer Studie, die kardiovaskulären Auswirkungen von rassistischer Hassrede. Die Ergebnisse offenbarten Diskriminierung als gesundheitlichen Stressor. Die diastolischen Blutdruckwerte der Probanden waren in den induzierten rassistischen Stresssituationen deutlich höher. Zudem hielten diese länger an. Die Studie zeigte auf diese Weise, dass Rassismus ein psychosozialer Stressor ist, der die Gesundheit der Betroffenen durch chronisch erhöhte kardiovaskuläre Reaktionen angreifbar machen kann.


FAZIT

Diskriminierung hat viele Gesichter und Rassismus ist eines davon, dessen Ausmaße nicht mehr länger heruntergespielt werden dürfen. Viel zu häufig erlebe ich, dass Nichtbetroffene Rassismus in Deutschland kleinreden oder gar negieren. Rassismus ist kein Problem der Vergangenheit: Für Manche von uns ist Rassismus Alltag, beeinträchtigt unsere Lebensqualität und unser psychisches Empfinden. Manche von uns macht Rassismus krank. Im Bildungswesen sind Rassismus und Diskriminierung besonders fatal, verlassen viele junge Menschen doch das erste Mal ihre erste Sozialisationsinstanz Familie, wenn sie in Kindergarten und Schule eintreten. Das Bildungswesen stellt die Weichen für das weitere Leben, so ist es daher von besonderer Wichtigkeit, dass Schüler:innen ihren Bildungsort als Safe Space wahrnehmen, in dem sie mit ihren Lehrer:innen einen offenen und ehrlichen Dialog eingehen können.

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