• Emanuela Nyantakyi

Die Sache mit dem Vertrauen

Ethnische Herkunft und sozioökonomischer Status fallen in Deutschland sehr häufig zusammen. Diese ethnische Schichtung beeinflusst auch den Bildungsbereich. Im Ländervergleich ist die Bildungsdisparität zwischen Schüler:innen mit und ohne Migrationshintergrund, laut eines OECD-Berichts, in Deutschland besonders stark ausgeprägt. Im Rahmen unserer Befragungen stellten wir fest, dass unter Eltern einerseits ein grundlegendes Vertrauen in den Wert einer soliden Schulausbildung bestand, andererseits jedoch Zweifel am deutschen Bildungssystem. So erklärte eine Mutter beispielsweise: “Ich habe meine Zweifel am deutschen Schulsystem trotz der hohen Qualität”, an anderer Stelle vermutete ein Vater gar eine “politische Agenda”. Woher rührt diese Diskrepanz, haben wir uns gefragt? Weshalb ist das Vertrauen so erschüttert?


Der Vertrauensbegriff

Schenkt man Vertrauen, übergibt man einen wichtigen Teil der eigenen Handlungsmacht an eine andere Person oder Instanz und erwartet, dass diese zum Wohl agiert. Dabei hofft man, dass das Vertrauen, das man geschenkt hat, nicht missbraucht wird. Man macht sich verwundbar, denn der Vertrauensakt ist stets mit einem Risiko der Enttäuschung verbunden. Im gesellschaftlichen Alltag ist Vertrauen eine subtile Transaktion. Häufig machen wir von diesem Gut gebrauchen, ohne ausgiebig darüber zu reflektieren. In der aktuellen Pandemie zeigt sich jedoch vielerorts was erfolgen kann, wenn das Vertrauen von Menschen in wichtige gesellschaftliche Instanzen schwindet. Denn soziale Kohäsion, gesellschaftlicher Zusammenhalt, ist ein Vertrauensprodukt.


Das unerschütterliche erschütterte Vertrauen

“Jeder hat das Recht auf Bildung.” Allgemeine Erklärung der Menschenrechte | Art. 26

Das Recht auf Bildung ist in der UN-Menschenrechtserklärung niedergelegt. Ist dieses Recht in wohlhabenden Ländern im Allgemeinen garantiert, zeigen Daten jedoch, dass der Bildungserfolg in diesen Ländern zunehmend vom sozialen Hintergrund abhängt. Diese Entwicklung ist beunruhigend. Gerade unter afrikanischen Migrantengruppen in Deutschland hegen Eltern große Erwartungen an den Bildungsweg ihrer Kinder. Viele sind sich dabei nicht bewusst, wie sehr ihr sozioökonomischer Status und die damit verbundenen Ressourcen die Bildungssituation ihrer Kinder beeinflusst und welch besondere Disziplin und Resilienz ihre Söhne und Töchter aufbringen müssen, um ihren Erwartungen gerecht zu werden. Häufig meinen sie, die einzige Hürde, welche ihre Kinder überwinden müssten, sei die ethnische Herkunft, die ‘Hautfarbe’. Sich darüber bewusst zu werden, dass die soziale Lage einen Einfluss auf ihre Kinder übt, würde bedeuten, dass ihre Entscheidung in ein neues Land aufzubrechen, um ihren Kindern bessere Chancen zu ermöglichen, genau das Gegenteil hervorgebracht hätte. Auch bestehen kulturelle Prägungen. Die erste Migrationsgeneration entstammt häufig aus sozialen Kontexten, in denen man sich stets gegen Situationen und Umständen behauptet hat; sie wissen, dass ihre Ressourcen limitiert sind, aber nach ihrer Vorstellung siegt man gerade ob dieser Widrigkeiten.

Viele sind sich dabei nicht bewusst, welch besondere Disziplin und Resilienz ihre Söhne und Töchter aufbringen müssen, um ihren Erwartungen gerecht zu werden. Häufig meinen sie, die einzige Hürde, welche ihre Kinder überwinden müssten, sei die ethnische Herkunft, die ‘Hautfarbe’.

So besteht unter ihnen ein grundlegendes, unerschütterliches Vertrauen in die Instanz der Bildung fort. Doch sehen sie auf der anderen Seite den Bildungsausgang für viele Kinder mit (afrikanischem) Migrationshintergrund. Eine Ernüchterung: “Nicht die verlässliche Bildungsinstanz jedoch, nein, das deutsche Bildungssystem.”


Erziehungspartnerschaft: die Vertrauensbeziehung zwischen Eltern und Lehrer:innen


Der Begriff der Erziehungspartnerschaft bezeichnet die gemeinschaftliche Zusammenarbeit zwischen Eltern und Bildungspersonal und beinhaltet einen wechselseitigen Austausch über das Kind, dessen Alltag und Verhalten. Die Idee der Erziehungspartnerschaft ist in allen deutschen Bildungspläne verankert, jedoch nicht immer umsetzbar. Vor allem im Umgang mit sozial benachteiligten oder migrantischen Familien ist die Zusammenarbeit zwischen Lehrer:innen und Eltern meist gestört.


Ja, es stimmt. Manche Eltern mit Migrationshintergrund sind mit dem Aufbau des deutschen Schulwesens nicht vertraut und sich nicht immer darüber bewusst, was gewisse Schulformen für Möglichkeiten (und/oder Limitationen) beinhalten. Und ja, es stimmt auch, dass manche Eltern aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse nicht mit Lehrer:innen in Dialog treten und sich aktiv am Bildungsalltag ihrer Kinder beteiligen können, doch bestimmen diese Vorstellungen meist viel zu häufig, wie Lehrer:innen migrantischen Eltern (und ihren Kindern) entgegentreten.

Einige Lehrer:innen können sich von manchen Vorurteilen und Statistiken nicht befreien und offenbaren im Umgang mit migrantischen Eltern stereotypische Haltungen, die für die Beziehung nicht förderlich sind. In meinem Umfeld machten Bekannte beispielsweise die Erfahrung, dass die Klassenlehrerin sie zum ersten Elternsprechtag panisch mit den Worten begrüßte: “Oh, Ich spreche gar kein Englisch!” - “Macht nichts. Wir sprechen ja auch Deutsch”, kam zurück.

Bildungserfolg sollte keine Frage der kulturellen oder sozialen Herkunft sein.

Nur wenige Studien beschäftigen sich mit der Beziehung zwischen migrantischen Eltern und Lehrer:innen aus Sicht der Eltern. Doch zeigt sich, dass das größte Problem für diese Eltern meist darin liegt, dass die kulturelle Herkunft von Lehrer:innen meist als Defizit und nicht als Mehrwert wahrgenommen wird. Die Diskussion von Bildung und Bildungserfolg erfolgt in der öffentlichen Wahrnehmung so eng verknüpft mit der Debatte der Integration und ethnische Minderheiten, dass häufig unter dem Tisch fällt, dass es die soziale Herkunft und sozioökonomische Ressourcen sind, welche vordergründig bestimmen, wo man am Ende des Bildungsweges landet. Dass die ethnische Herkunft und der soziale Status in Deutschland so häufig zusammenfallen, ist ein Armutszeugnis für die deutsche Gesellschaft, denn Bildungserfolg sollte weder von der sozialen noch kulturellen Herkunft abhängen.

Das deutsche Bildungssystem ist ein Spiegel unserer Gesellschaft und kann nur so fair sein, wie unsere Gesellschaft es ist.

Für mich bleibt eine Frage bestehen: Wie erklärt man einem 45-jährigen, westafrikanischen Mann in Anbetracht dieser Tatsachen, dass hinter all diesen Dingen, keine politische Agenda steht, wenn die Politik, die Erklärung für dieses Ungleichgewicht in den Leidtragenden sucht?



Quellen

OECD (2018). The Resilience of Students with an Immigrant Background: Factors that Shape Well-being- OECD Reviews of Migrant Education. OECD Publishing: Paris. doi: 10.1787/9789264292093-en


Morgan M (2016). Erziehungspartnerschaft und Erziehungsdivergenzen: Die Bedeutung divergierender Konzepte von Erzieherinnen und Migranteneltern. Springer Verlag: München.


Textor M (s.a.). Erziehungspartnerschaft - Bildungspartnerschaft: Plädoyer für eine intensive Zusammenarbeit von Eltern und Pädagog/innen. https://www.ipzf.de/erziehungspartnerschaft-bildungspartnerschaft.html


Portal zum Thema Interkulturelle Schulentwicklung. https://www.edu.lmu.de/spe/int_schulent/index.html

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